Interview mit Udo Pipper  

Es gibt Leute, die über Dich sagen: “Der spinnt! Der hört die Flöhe husten!” Geht die Suche nach dem guten Sound nicht manchmal schon in zu unwesentliche Details?

Was wesentlich oder unwesentlich ist, das muss jeder selbst ent­schei­den. Ich kann nur ver­suchen, Er­fah­run­gen zu machen und die­se dann an­zu­wen­den oder auf­zu­schrei­ben. Das ist mein Job. Ich suche auch nicht nach dem gu­ten Ton, son­dern fin­de ihn von Zeit zu Zeit und ver­suche dann zu un­ter­suchen, warum ge­ra­de dies oder das so gut klingt. Das ist schon ein Un­ter­schied. Man kann nur fin­den, was man schon in sich trägt.

Was macht denn einen guten Ton aus? Hast Du da eine Art Philosophie?

Ein guter Ton ist wie eine schöne mensch­liche Stim­me. Die ist ru­hig, klar, so­nor und da­mit an­ge­nehm. Wenn ein Schau­spie­ler etwa einen Bö­se­wicht oder ein Mons­ter ver­kör­pern möch­te, ver­stellt er seine Stim­me zu mehr Här­te oder Ver­zer­rung. Die schlim­me Stim­me soll sei­nen schlim­men Cha­rak­ter offen­ba­ren, was meist auch ge­lingt. Was nützen taus­end tol­le Licks, wenn der Ton schlecht, das heißt harsch, schrill, rau oder un­mu­si­ka­lisch ist? Kei­ner will da zu­hö­ren. An­de­rer­seits kann man die Zuhörer ver­zau­bern, wenn man et­was ganz ein­faches auf ei­ner Gi­tar­re mit einem schö­nen Ton spielt, etwa ein klei­nes Lick oder eine sim­ple Me­lo­die. Klang ist Essenz der Musik Der Klang ist über­haupt die Es­senz der Mu­sik. Für Klassik­mu­si­ker ist das selbst­ver­ständ­lich. In un­se­rem Bu­si­ness ist es lei­der noch sel­ten. In den USA fiel mir bei­spiels­wei­se auf, das nie­mand sagt: “Der oder der hat toll ge­spielt.” Sie sa­gen im­mer: “He has a great sound.” Nur ein Wort­spiel, aber es zeigt, dass man in den USA den Klang über die Tech­nik stellt. Die Tech­nik ist nur ein Teil­be­reich, der Klang ist je­doch al­les. Wah­re Vir­tuo­si­tät offen­bart sich nur über den gu­ten Klang.

Man muss also zwischen Equipment mit gutem und schlechtem Ton unterscheiden?

Ein wei­te­res Miss­ver­ständ­nis! Gi­tar­ren und Ver­stär­ker machen kei­nen Klang. Den macht der Mu­si­ker. Der gu­te Ton ent­steht im Kopf. Gi­tar­ren und Amps sind nur Werk­zeu­ge, die die­se Vor­stell­ung um­set­zen hel­fen sol­len. Und da­zu müs­sen sie eben die­se er­dach­te Form auch an­neh­men und trans­por­tie­ren kön­nen. Per se schlum­mert der Ton nicht im In­stru­ment, son­dern nur im Mu­si­ker. Das Equip­ment soll nur ein fei­nes Ras­ter bie­ten, in dem ich mög­lichst alle Fein­hei­ten mei­nes Tons trans­por­tieren kann. Mehr Auf­lö­sung - schö­ne­res Fo­to! Aber was nützt ein häss­liches oder lang­wei­li­ges Foto mit enor­mer Auf­lö­sung? Da­ge­gen er­kennt man die stark ver­frem­det, re­du­ziert oder ver­zerrt wie­der­ge­ge­be­ne Stim­me der ge­lieb­ten Freun­din, etwa am Han­dy, im­mer noch als die schö­ne Stim­me der Freun­din. So­mit wird ein gu­ter Mu­si­ker mit Ton über schlech­tes Equip­ment im­mer besser klin­gen als ein schlech­ter Mu­si­ker ohne Ton mit dem bes­ten Equip­ment, das man für Geld kau­fen kann. Ideal ist eben ein gu­ter Mu­si­ker mit Ton ge­paart mit gu­tem Equip­ment, dass die­sen Ton in al­len Fa­cet­ten auch dar­stel­len kann. So in etwa könnte mei­ne Phi­lo­so­phie lau­ten... Die Stradi­vari-­Phi­lo­so­phie! Glück­lich sind wir al­so erst, wenn wir Equip­ment ha­ben, dass UN­SE­RE Vor­stel­lung von UN­SE­REM Klang auch trans­por­tie­ren kann. Aber ohne Vor­stel­lung oder Ton-­Idee tappt man im Du­n­keln und macht nur Ge­räu­sche. Wie Robben Ford neu­lich in einem In­ter­view sag­te: “If you have no tone, you're ma­king noise. And that's it!”

Wann und wie fing das bei Dir an?

Udo Pipper Interview So ganz ge­nau kann ich das nicht sa­gen. Ich moch­te im­mer schon Mu­sik. Und für mich stan­den im­mer die Klän­ge im Vor­der­grund. Et­wa die Or­ches­ter-­Auf­nah­men von Kurt Edel­ha­gen oder Bert Kaem­pfert, die mei­ne El­tern zu­hau­se hat­ten, als Kind die Film-­Mu­sik der Win­ne­tou-­Fil­me und schließlich die Rolling-­Stones- oder Cream-­Plat­ten, die mein gro­ßer Bru­der be­saß: All das wa­ren auf­re­gen­de An­re­gun­gen, die wohl prä­gen. Wir hat­ten in den Sech­zi­gern eine gro­ße Mu­sik­tru­he mit Röh­ren und ei­nen Plat­ten­spie­ler. Nicht HiFi, aber den­noch ein tol­ler Sound.

Wann hast Du angefangen Gitarre zu spielen?

Das war mit vier­zehn. Ich hat­te Kon­fir­ma­tion und be­kam ein biss­chen Geld ge­schenkt. Da­für kauf­te ich mir ei­ne Höf­ner Halb­akus­tik. Ein Traum. Ich konnte al­ler­dings kei­nen ein­zi­gen Ton spie­len. Ich woll­te sie ein­fach nur ha­ben. Nun saß ich da und wuss­te nicht wei­ter...

Hast Du Unterricht genommen?

In ge­wis­ser Wei­se schon. Aber nicht bei ei­nem rich­ti­gen Gi­tar­ren­leh­rer. Es wa­ren Freun­de, die mir et­was bei­brach­ten. Ein paar Ak­kor­de, ein klei­nes Lick usw. Und dann gab es da den Beat­club, wo man den Gi­tar­ris­ten im Fern­se­hen zu­schauen konn­te. Hin und wie­der konn­te man sich auch da et­was ab­gucken. Ich war sicher nicht be­son­ders ta­len­tiert. Es dau­er­te lan­ge, bis ich et­was Sinn­vol­les spie­len konn­te. Ich hat­te al­so schon Leh­rer. Nur eben nicht so rich­tig of­fi­ziell. Man saß im Som­mer draußen am Kies­teich, und mei­ne Freun­de spiel­ten und san­gen Neil Young oder Beat­les. Das war klasse. Das woll­te ich auch.

Aber Du hast ganz bewusst mit einer E-Gitarre angefangen...

Ja, da­mit habe ich an­ge­fan­gen und bin da­bei ge­blie­ben. Ich kann bis heu­te ei­gent­lich kaum et­was Ver­nünf­ti­ges auf ei­ner Akus­ti­schen spie­len. Mich hat das nicht in­te­res­siert. Das wa­ren zwei völ­lig un­ter­schied­liche Wel­ten für mich. Außer­dem woll­te ich in eine Band. Und da­zu brauch­te ich da­mals eine E-­Gi­tar­re und ei­nen Ver­stär­ker.

Was für einer war das?

Zu­erst war es das al­te Röh­ren­ra­dio mei­ner El­tern. Kurz da­rauf hat mir ein Freund einen Gi­tar­ren­ver­stär­ker ge­baut. Es gab da­mals schon Bau­sät­ze von ei­nem Mün­chner Ver­sand­haus na­mens Ra­dio RIM. Der war zwar Tran­sis­tor, aber ein­fach toll. Spä­ter spiel­te ich in ei­ner Schü­ler-­Band und kauf­te mir eine Les Paul Kopie von Ibanez und einen Vox AC 30. Dazu hat­te ich noch ei­nen EH Big Muff und ein Wah-­Wah-­Pe­dal. Im Grun­de hat sich seit­dem an mei­nem Equip­ment nichts we­sent­liches mehr ver­än­dert.

Was habt ihr in der Schüler Band gespielt?

Santana, Allman Brothers, Chicago! Das war rich­tig gut. Zwei Schlag­zeu­ge, zwei Gi­tar­ren, Per­cus­sion, eine Ham­mond mit Les­lie, Bass und Ge­sang. Eine große Trup­pe. Ich war der Jüng­ste und durf­te So­li spie­len. Wahn­sinn!

Irgendwann wurdest Du dann Profi. Wie kam das zustande?

Na ja, Profi! Das war nicht ge­plant und auch nie so ganz der Fall. Seit 1978 spiel­te ich mit Mar­tin Mein­schä­fer in ei­ner Band na­mens Hob Gob­lin. Ein ver­rück­tes Rock-­The­ater mit Pan­to­mi­me und viel Show. Da­ne­ben spiel­te ich noch in Frank­furt mit Ditt­mar Becker in ei­ner Fu­sion-­Band. Ich moch­te da­mals Pat Me­the­ny, John Sco­field und Vol­ker Krie­gel und sol­che Sa­chen. Ich pen­del­te wäh­rend mei­nes Stu­di­ums in Frank­furt zwi­schen mei­ner nord­hes­sischen Hei­mat und und dem Sauer­land, wo Mar­tin wohn­te, hin und her. Ir­gend­wann ha­ben wir dann Hob Gob­lin und die Fu­sion-­Band ein­fach zu­sam­men­ge­legt, und Mar­tin zog nach Frank­furt. Da er ein rich­ti­ger Macher oder Ma­na­ger ist, ha­gel­te es plötz­lich Gigs, und wir hat­ten bis zu 150 Auf­trit­te im Jahr. Die Band wur­de zur Fa­mi­lie, ei­ni­ge ha­ben so­gar zu­sam­men in ei­ner al­ten Villa ge­wohnt. Das war et­wa 1981.

Ihr wurdet dann ein Teil der regen Frankfurter Musik-Szene

Ja! Rhein-­Main schlägt zu­rück! Da gab es die Rod­gau Mo­no­to­nes, Flatsch und vie­le an­de­re Bands mit ei­nem ei­ge­nen Sound. Dem Sound of Frank­furt. Und da sind wir so rein­ge­rutscht. Das hat uns sehr ge­hol­fen. Vor al­lem die Freund­schaft zu den Rod­gau Mo­no­to­nes war wich­tig, denn die wa­ren so eine Art Weg­be­rei­ter in je­der Be­zie­hung. Die wa­ren im­mer ei­nen Schritt vo­raus. Und es gibt sie heute noch.

Welche Gitarristen haben Dich beeinflusst?

In­ter­na­tio­nal ge­se­hen wa­ren das vor al­lem Eric Clap­ton bei Cream und Dickey Betts von den All­man Bro­thers. Die Live-­Auf­na­hme von 'Cross­roads' auf dem 'Wheels of Fire'-Album war für mich der Hei­li­ge Gral. Dann noch das 'Live at Fill­more East'-­Al­bum von den All­man Bro­thers. Spä­ter moch­te ich auch Jazz. Wes Mont­go­me­ry, Pat Me­theny, George Ben­son und John Sco­field. Udo Pipper Blues-Helden Peter Green und B.B.King sind zu­dem mei­ne Blues-­Hel­den. Und na­tür­lich Jeff Beck, der im Grun­de wie ein Meis­ter über al­lem thront. Sein Ge­fühl für Ton ist bei­na­he der Maß­stab. Ich hat­te aber auch vie­le Vor­bil­der in Deutsch­land. Na­tür­lich spiel­ten Ali Nean­der und Rai­mund Salg von Rod­gau Mo­no­to­nes ein­fach um­wer­fend. Die hat­ten En­de der Sieb­zi­ger den ul­ti­ma­ti­ven Blues-­Rock-­Ton. Les Pauls, Reußen­zehn-­Mar­shall und ZZ-­Top-­Riffs. Per­fekt! Dann Vol­ker Krie­gel und Pe­ter Wol­brandt von Kraan. Letz­te­rer spiel­te so ei­gen und un­ver­kenn­bar. So et­was be­ein­druck­te mich. In Frank­furt lern­te ich außer­dem Michael Sag­meis­ter ken­nen. Der hat­te da­mals eine Tech­nik, die so per­fekt war, dass man ge­neigt war, das Gi­tar­re­spie­len auf­zu­ge­ben.
Heute gibt es bei­nahe un­zäh­li­ge Gi­tar­ris­ten in Deutsch­land, die toll spie­len. Hen­rik Frei­schla­der, Tho­mas Blug, Mar­cus Deml, Pe­ter Wei­he, Gre­gor Hil­den und Ron Spiel­man aus Ber­lin sind da­für nur ein paar Bei­spie­le. Vie­le Ta­len­te ha­be ich sicher hier ver­ges­sen oder noch gar nicht ent­deckt.

Die meisten davon hast Du ja im Laufe Deiner beruflichen Laufbahn persönlich kennengelernt

Ja, das war so. Man trifft sich halt ir­gend­wann.

Du hast auch irgendwann in Frankfurt ein Tonstudio gebaut. Was steckte dahinter?

Das war eigent­lich nur ein lo­gi­scher Schritt. In den Acht­zi­gern woll­te man im­mer et­was auf­neh­men. Man kauf­te sich dann Vier-­Spur-­Re­cor­der, dann Acht-­Spur-­ und ir­gend­wann 24-­Spur-­Ma­schi­nen. Dann wur­de das Mu­sik­zim­mer zu­hau­se zu klein, und plötz­lich baut man ein Ton­studio. Ich habe da­mals das Stu­dio kom­plett ver­ka­belt und Tag und Nacht ge­lö­tet. Dann war ich ir­gend­wann fer­tig und saß dann mit mei­nem da­ma­li­gen Geschäfts-­Par­tner im fer­ti­gen Stu­dio. Erst dann stell­ten wir uns die Fra­ge: “So, und was machen wir jetzt da­mit?” Al­so ha­ben wir auf­ge­nom­men. Wer­be-­Jing­les, Pop, Rock, Schla­ger! Al­les, was so kam. Dann ha­be ich selbst wie­der Songs ge­schrie­ben und eine Sän­gerin ken­nen ge­lernt, die sehr ta­len­tiert war und sehr gut aus­sah. Steffi!

Und mit dieser Steffi hast Du dann eine Pop-Band gegründet

Ja, das kam ganz auto­ma­tisch. Es ent­stan­den ein paar gu­te Songs. Un­ser An­walt fuhr da­mit auf die MIDEM nach Can­nes und hol­te einen Deal mit EMI. Dann ha­ben wir ein Al­bum ge­macht. Lektion in Popmusik Wir ha­ben bei uns in Frank­furt und bei Edo Zan­ki auf­ge­nom­men, und das Al­bum dann in Lon­don in Dave Ste­warts Church Stu­dio fer­tig ge­stellt und ab­ge­mischt. Das war eine tol­le Zeit. In Lon­don be­ka­men wir eine Lek­tion in Sachen Pop­mu­sik. Dave Stew­art und sein Um­feld wa­ren Pop in Rein­kul­tur. Sehr prag­ma­tisch und er­folgs­orien­tiert. Al­les ist künst­lich, nichts echt. Das ein­zi­ge, was zählt, ist der Hit.

Was wurde daraus?

Nicht ge­nug! Ein Vi­deo, ein biss­chen MTV und Fern­se­hen, ein ganz klei­ner Hit, Ein­stieg ganz hin­ten in die Charts, ein paar Tour­neen und schließ­lich ein zwei­tes Al­bum, das dann nie er­schien, weil es der Fir­ma nicht kom­mer­ziell ge­nug war. Das ha­ben wir in Hil­ver­sum im Wis­seloord-­Stu­dio li­ve auf­ge­nom­men. Das Al­bum war sehr pro­gres­siv und mo­dern. Viel­leicht zu früh für die Zeit der Crunch-­Wel­le. Wir schrie­ben das Jahr 1995.

Und dann hast du aufgehört.

Ja, es schien mir nicht mehr sinn­voll, ir­gend­ei­nem Er­folgs­re­zept hin­ter­her zu lau­fen. Mu­sik als Mit­tel zum Zweck. Das ist furcht­bar. Und dann gab es Schlüs­sel­er­leb­nis­se. Als ich mit Stef­fi bei ei­ner Ham­bur­ger Plat­ten­fir­ma vor­sprach, sag­te der A+R-Chef: Schlüsselerlebnisse “Ach so, ihr seid schon über drei­ßig. Das ist für MTV lei­der zu alt.” Das war so ein Schwach­sinn, dass wir das Hand­tuch war­fen. Gleich­zei­tig ka­men Ata­ri-­Com­pu­ter, und je­der konn­te plötz­lich zu­hau­se Al­ben auf­neh­men. Ton-­Stu­dios, ab­ge­se­hen von ei­ni­gen großen Ein­rich­tun­gen, wur­den plötz­lich über­flüs­sig. Zu­erst war das schmerz­lich, dann aber heil­sam.

Du bist dann zum Fachblatt Musiker Magazin gegangen und wurdest Journalist

Exakt. Ich hatte Glück. Sie such­ten ei­nen Schrei­ber für Gi­tar­ren-­Tests und nah­men mich un­ter Ver­trag. Ich fing ein­fach an zu ar­bei­ten. Und bis heute bin ich da­bei ge­blie­ben. Ich saß nicht mehr bei Re­gen und Kälte in ei­nem Tour-­Bus, son­dern zu­hau­se mit schö­nen Gi­tar­ren, ei­nem Kaf­fee und mei­nem Com­pu­ter. Ein an­de­res, schö­ne­res Le­ben be­gann.

Zum Schluss warst Du ja sogar Chef-Redakteur

Ja, für kurze Zeit, denn das Schick­sal des Fach­blatts war ei­gent­lich schon be­sie­gelt. Wir hat­ten kei­ne Chan­ce mit dem Full­range-­Kon­zept. Bei uns gab es ja Tests für Gi­tar­ren, Bäs­se, Key­boards, Schlag­zeug und Sa­xo­pho­ne usw. Da hat­ten Gi­tar­re & Bass oder die Key­boards na­tür­lich bes­se­re Kar­ten und we­ni­ger Streu­ver­lus­te für die An­zei­gen­kun­den. Die lie­fen uns näm­lich da­von, und dann muss­ten wir schlie­ßen. Das Fach­blatt ist al­so un­ter mei­ner Lei­tung ge­stor­ben. Kei­ne schö­ne Re­pu­ta­tion, oder?

Seit 2004 schreibst Du nun für Gitarre & Bass

Ja, und hier bin ich nun end­gül­tig an­ge­kom­men. Ich darf schrei­ben, was ich will und kann mich ganz auf mei­ne In­te­res­sen kon­zen­trie­ren. Work­shops und Ko­lum­nen zahl­rei­cher Pro­fis und Au­to­ren sind ein wich­ti­ger Teil in un­se­rem Heft ge­wor­den. Man ent­wickelt hier eine ganz an­de­re Pers­pek­ti­ve zu Pro­duk­ten, denn man stellt sie in ei­nen ganz be­stimm­ten Kon­text, was wirk­lich Sinn macht. Außer­dem kann ich so end­lich auf dem Land le­ben, was ich im­mer schon woll­te. Ich woh­ne jetzt in der Ei­fel mit­ten im Grü­nen.

Wann hast Du angefangen, selbst Equipment zu tunen?

Das war so um 1990 he­rum in mei­nem Ton-­Stu­dio in Frank­furt. Da­mals kam Aspen Pitt­man von Groove-­Tu­bes öfter vor­bei, weil gleich ne­ben­an ein großes Mu­sik­ge­schäft war. Er gab uns dann Röh­ren oder Mi­cro­pho­ne zum Tes­ten. Und ein­mal hat­te er ei­nen 1961er Fen­der Twin Amp dabei, der nur noch aus ei­nem zer­leg­ten Chassis be­stand. Schöner Amp Den hat er mir dann ge­schenkt und sag­te in sei­ner un­nach­ahm­lichen Art: “Boy, wenn Du den wie­der hin­be­kommst, hast Du ei­nen schö­nen Amp.” Das ha­be ich dann ge­macht. Learning by doing! Ich brauch­te Bau­tei­le, ein Ge­häu­se und To­lex. So fand ich den Tube Amp Doc­tor in der Nä­he von Mann­heim. Ich fuhr hin und kauf­te die nö­ti­gen Bau­tei­le. Ein Pa­ra­dies. Die hat­ten al­les, was man da­für brauch­te.

Warum hast Du diesen Schrotthaufen restauriert und nichts Neues gekauft?

Hab ich ja, aber mit die­sen Pro­duk­ten war ich nie zu­frie­den. Die Acht­zi­ger und Neun­zi­ger wa­ren in Punc­to Equip­ment ei­ne düs­te­re Zeit. Es gab vie­le Pea­vey Tran­sis­tor-­Amps, Ro­land Jazz Cho­rus und halt Racks mit viel Ef­fekt-­Kram. Das war die Mo­de. Es gab kaum gu­te Röh­ren­kom­bos, die ich selbst moch­te. Al­so spiel­te ich ei­nen al­ten Fen­der Tweed De­lu­xe und ei­nen Vox AC 30. Schließ­lich den fer­tig res­tau­rier­ten Fen­der Twin von As­pen Pitt­man. Der hat­te noch das brau­ne Front­pa­nel mit wei­ßen Knöp­fen. Cool! Ir­gend­wann be­gann ich dann al­te, ge­brauch­te Fen­der Amps zu kau­fen und zu res­tau­rie­ren. Die klan­gen da­nach im­mer fan­tas­tisch. Die Bau­tei­le, die Tra­fos und die Schal­tungen wa­ren ein­fach bes­ser als bei den neue­ren Sachen. Heu­te ist das ganz an­ders. Es gibt wahn­sin­nig vie­le neue Amps, die rich­tig gut sind.

Welche sind das?

Diese Boutique-­Sachen sind klas­se! Real­to­ne, Gla­dius, John Suhr, Vic­to­ria, Two Rock, Tube Thom­sen, van Weel­den, Cream, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Und na­tür­lich gibt es da die Fen­der Re­issues wie den De­lu­xe Re­verb, den 57er Tweed Twin oder den Twin Re­verb und von Mar­shall die Hand­wi­red-­Se­rie, die rich­tig gut ist. Mit die­sen Amps kann man wirk­lich noch schö­ne Klän­ge ganz ohne Ef­fek­te hin­be­kom­men.

Wozu dann also noch tunen?

Der Begriff “Tu­ning” ist miss­ver­ständ­lich. Ei­gent­lich tu­ne ich nicht, son­dern re­stau­rie­re Ver­stär­ker und stim­me sie klang­lich so ab, dass sie op­ti­mal klin­gen. Es gibt un­zäh­li­ge al­te Fen­der-­, Vox-­ und Mar­shall-­Amps, die zwar noch ir­gend­wie funk­tio­nie­ren, aber nicht mehr gut klin­gen. Parameter der Klangabstimmung Die set­ze ich prak­tisch in ih­ren Neu­zu­stand zu­rück, se­lek­tie­re Bau­tei­le, kle­be To­lex, suche pas­sen­de Laut­spre­cher und Röh­ren aus. Au­ßer­dem muss ich auf die Wün­sche mei­ner Kun­den ein­ge­hen. Es ist gut zu wis­sen, ob der Kun­de Stra­to­cas­ter oder Les Paul, ob er laut oder lei­se, ver­zerrt oder clean, Rhyth­mus oder So­li, Blues oder Rock spielt. Das al­les kann man bei der Klang­ab­stim­mung be­rück­sich­ti­gen. Manch­mal ist es auch sinn­vol­ler, ei­nen Tube-­Amp-­Doc­tor-­Bau­satz-­Amp zu­sam­men­zu­stel­len an­statt ei­nen ur­al­ten, exo­ti­schen Amp für teu­res Geld wie­der fit zu machen. Was zählt, ist das Er­geb­nis. Zu­dem be­treue ich Samm­ler, die ihre Samm­lung in­stand hal­ten wol­len. Wenn der al­te Block-­Lo­go JTM45, der mal 10.000,- Euro ge­kos­tet hat, beim A­nschal­ten rauscht, knackst oder müde klingt, macht das ja nicht wirk­lich Spaß.

Und immer sind das Röhren-Amps

Ja, na­tür­lich. Was an­de­res kann ich nicht. Da­mit bin ich groß ge­wor­den. Al­te Tech­nik von da­mals, die aber noch ak­tu­ell ist und ein­ma­lig gut klingt.

Wo liegen bei einem Röhrenamp die neuralgischen Stellen? Ist es der Ausgangsübertrager, sind es alte NOS Röhren oder die Kondensatoren?

Ja, all das ge­hört da­zu. Es nutzt aber nichts, nur ein ein­zi­ges Bau­teil oder ei­ne Bau­grup­pe in den Fo­kus zu stel­len. Wich­tig ist ei­gent­lich al­les. Al­so muss man ganz­heit­lich ar­bei­ten. Es gibt ja Tech­ni­ker, die sa­gen, wich­tig sei­en nur die Bau­tei­le, die di­rekt im Sig­nal­weg lie­gen. Das ist falsch. Ein Ver­stär­ker ar­bei­tet im­mer im Gan­zen. Er ar­bei­tet so­zu­sa­gen emer­gent. Es gilt, die per­fek­te Ba­lan­ce zu fin­den. Ich ver­glei­che das ger­ne mit ei­nem For­mel 1-­Au­to. Ein fal­sches Bau­teil, und schon läuft es nicht mehr op­ti­mal. Die Mess­tech­nik hilft ein we­nig, sagt aber kaum et­was über Klang­er­geb­nis­se. Die muss man buch­stäb­lich er­füh­len, sich he­ran­tas­ten, try and er­ror, die ga­nze Pa­let­te der Mög­lich­kei­ten im­mer wie­der neu aus­schöp­fen. Da­rin liegt ei­gent­lich die Kunst. Ein tol­ler Aus­gangs­über­tra­ger kann na­tür­lich et­was brin­gen. Aber je­der kann sich gut vor­stel­len, dass die­ser sei­ne Stär­ken nicht voll­kom­men ent­fal­ten kann, wenn der Netz­tra­fo, der Cho­ke, der Siche­rungs­hal­ter, die Röh­ren, die Kon­den­sa­to­ren, Wi­der­stän­de und Ka­bel nicht op­ti­mal sind. Er über­trägt nur das, was ihm die an­de­ren Bau­grup­pen zur Ver­fü­gung stel­len. Ei­ne ech­te Aus­gangs­qua­li­tät sind ei­gent­lich nur der Rausch­ab­stand und das Lay­out. Al­les an­de­re wächst aus dem per­sön­li­chen Ge­schmack des Er­bau­ers. Ein Ver­stär­ker, der rauscht oder brummt, läuft eben nicht op­ti­mal. Das ist wie ein Au­to, an dem ir­gend et­was klap­pert. Das will man nicht, weil man nicht weiß, ob das schlimm oder nor­mal ist. Man fährt al­so zur Werk­statt und lässt das be­he­ben. Das könn­en auch vie­le Tech­ni­ker ma­chen. Aber ei­nen Amp rich­tig gut ab­stim­men, das kön­nen nur we­ni­ge. An­sons­ten wür­de ich mich nie hin­rei­ßen las­sen, zu sa­gen die­se oder je­ne Kon­den­sa­to­ren sei­en bes­ser als an­de­re, denn das ist ab­hän­gig vom Ziel. Und ge­nau so ist es mit Über­tra­gern, Ka­beln oder sons­ti­gen Bau­tei­len. Auch hier ent­steht zu­nächst ei­ne Idee vom Er­geb­nis im Kopf, und dann muss man schau­en, wie man ans Ziel kommt. Und in die­ser Be­zie­hung ist man eher Künst­ler als Tech­ni­ker. Ich bin so­wie­so kein Tech­ni­ker im ei­gent­lichen Sinn, der Phy­sik stu­diert hat und al­les ein­fach nach­misst. Ich ar­bei­te eher mit dem Ver­ständ­nis ei­nes Mu­si­kers. Wenn mir beim Ab­schluss-­Test ei­nes ge­lun­ge­nen Ver­stär­kers ei­ne Gän­se­haut kommt, geht es viel­leicht dem Kun­den ge­nau­so. Und das ist im­mer das Ziel. Ein Klang, der be­rührt und in­spi­riert.

Wie hast Du das gelernt?

Gute Frage! Sicher ist es wich­tig, selbst Gi­tar­re zu spie­len. Nur so kann man über­prü­fen, ob der Amp oder die Gi­tar­re auch klin­gen. Dann soll­te man in die we­sent­li­chen Merk­ma­le be­stimm­ter In­stru­men­ten­grup­pen wirk­lich ein­tau­chen. Das konn­te ich, da ich im­mer Amps und Gi­tar­ren ge­kauft, op­ti­miert und dann wie­der ver­kauft ha­be, um an­de­re zu kau­fen. Ein ver­lust­reiches Ge­schäft. Aber es geht nicht an­ders. Dann be­nö­tigt man Hil­fe von Tech­ni­kern, Samm­lern und Händ­lern. Wenn Dir kei­ner sei­ne 59er Les Paul aus­leiht, wirst Du auch nie er­fah­ren, wie so ein In­stru­ment klingt. Ich ha­be mit Gi­tar­ren­bau­ern ge­ar­bei­tet, dis­ku­tiert und ge­forscht. Da lernt man ei­ni­ges. Mei­ne Zeit als Re­dak­teur bei der Zeit­schrift STEREO hat mir auch ge­hol­fen, mein Ge­hör zu schu­len. Man muss ein fein­es Ohr ent­wickeln. Dann ha­be ich viel Li­te­ra­tur ge­le­sen: Ge­rald We­ber, Dan Tor­res, Die­ter Enne­mo­ser und vie­les mehr. Das wich­tig­ste ist je­doch, die In­stru­men­te und Klän­ge, die man nach­stel­len möch­te, wirk­lich ken­nen­zu­ler­nen. Die al­ten Ori­gi­na­le sind seit je­her mei­ne Re­fe­renz. Und Gott sei Dank habe ich Zu­griff da­rauf. Ich bin mit ei­ni­gen Samm­lern be­freun­det. Es for­dert auf je­den Fall Ge­duld und im­mer sehr, sehr viel Zeit, bis man am Ziel ist.
Und schließ­lich muss man schau­en, dass man am Le­ben bleibt. Röh­ren­amps kön­nen ge­fähr­lich sein. Wenn man ein­mal an 450 Volt ge­packt hat, weiß man das. Man muss Ge­duld ha­ben und or­dent­lich ar­bei­ten. Be­triebs­sicher­heit ist das A und das O. Ich wür­de kei­nem Lai­en em­pfeh­len, das aus­zu­pro­bie­ren. Es ist ein­fach zu ge­fähr­lich.

Bist Du nun Journalist oder Service-Techniker?

Bei­des! Ich schrei­be Ko­lum­nen für Gi­tar­re & Bass und be­treue mei­ne Kun­den. Das ergänzt sich per­fekt.

Man sieht Dich von Zeit zu Zeit auch beim Sat.1 Frühstücksfernsehen

Ja, dort arbeite ich als In­ter­net-­Ex­per­te. Ein tol­ler Job. Ich fah­re ein­mal im Mo­nat nach Ber­lin. Auch das ist nur ein Stand­bein ei­nes selbst­stän­di­gen Jour­na­li­sten.

Du hast dort sogar mal mit Warren Haynes gespielt

Ja, und Jür­gen Drews hat da­zu ge­sun­gen... Das war nur ein ver­rück­ter Spaß und hat sich wäh­rend der Sen­dung so er­ge­ben. Das war schön. War­ren Hay­nes ist ein sehr, sehr net­ter Mensch. Völ­lig un­kom­pli­ziert.

Bist Du auch als Musiker noch aktiv?

Ja, ab und zu. Natürlich nicht so in­ten­siv wie Hen­rik Frei­schla­der oder Gre­gor Hil­den. Aber für ei­nen gu­ten Blues bin ich im­mer zu ha­ben und mache das auch ab und zu in Köln oder im Sauer­land bei und mit Mar­tin Mein­schä­fer. Es ist nur noch Hob­by und macht Spaß. Ich spie­le Blues und Fu­sion. Da­hin­ter ver­birgt sich aber kei­ne rich­ti­ge Bot­schaft. Es geht mir auch hier nur da­rum, ei­nen gu­ten Ton zu ha­ben, ei­ne schö­ne Me­lo­die oder ein gu­tes Lick zu spie­len. Zehn-­Mi­nu­ten-­So­li sind mir zu­wi­der.

Welche Gitarren und Amps spielst Du selbst?

Ich lie­be na­tür­lich den al­ten Mar­shall JTM45-­Sound. Klar und warm! Dann ei­nen Fen­der Tweed De­lu­xe oder ei­nen Tweed Pro. Seit ei­ni­ger Zeit spie­le ich auch wie­der ei­nen al­ten Fen­der Band­mas­ter, den ich aber für mei­ne Be­dürf­nis­se mo­di­fi­ziert ha­be. Ein wahn­sin­nig war­mer und cleaner Ton. Gibson-Spieler und PAF-Fan Bei Gi­tar­ren be­vor­zu­ge ich neue und von mir selbst ge­tun­te Gib­son His­to­ric Les Pauls, im Mo­ment eine 1968er Gib­son ES 335 und eine ak­tu­elle Fen­der Stra­to­cas­ter aus der Re­lic-­Se­rie, die ich aber nur zur Ab­stim­mung der Amp-­Krea­tio­nen ver­wen­de. Ich bin ein Gib­son-­Spie­ler und ein PAF-­Fan. Für den Over­drive ver­wen­de ich ei­nen al­ten Hughes & Kett­ner Tu­be­man 1. Das ein­zi­ge Pe­dal, mit dem ich den Cream-­Cross­raods-­Sound hin­be­kom­me. Den ha­be ich schon seit 20 Jah­ren. Mei­ne Ka­bel kom­men von Cor­dial, weil ich ih­ren Klang mag. Ich ha­be auch Vo­vox oder Spec­tra­flex. Die klin­gen dann et­was mo­der­ner. Bei den Bo­xen und Spea­kern set­ze ich ganz auf Mar­shall. Eine Hand­wi­red 4x12-­Box mit He­ri­ta­ge G12H Green­backs und eine 1x12 Hand­wi­red mit He­ri­ta­ge Green­back G12M. Mit dem Band­mas­ter spie­le ich über ei­nen We­ber Ca­li­for­nia 12, der un­glaub­lich clean, warm und kna­ckig klingt. Ich ste­he eben meist auf Clean-­Sounds. Mit der ES 335 hat man dann die­sen Larry Carl­ton-­Ton, den ich sehr lie­be.

Wann gibt es eine eigene Pipper-Amp-Serie?

Die gibt es ja schon. Man kann das aber nicht mit dem Pro­gramm an­de­rer Fir­men ver­glei­chen. Ich baue Cus­tom-­Amps auf An­fra­ge be­stimm­ter Kun­den. Das sind Amps, die sich mal an ei­nem al­ten JTM45, an ei­nem al­ten Tweed-­Kom­bo oder ei­ner Black­face-­Schal­tung ori­en­tie­ren. Je nach­dem, was sich der Kun­de wünscht, baue ich al­les, was ver­langt wird. So­gar Amps mit Dum­ble-­Schal­tung. Es sind Ein­zel­stücke, die auf­grund der auf­wen­di­gen Ent­wick­lungs­ar­beit und Bau­teil-­Be­stückung auch recht teuer sind.

Wie siehst Du die Zukunft? Spielen wir in zwanzig Jahren noch Röhrenamps?

Na ja, es gibt schon tolle Sachen etwa im Mo­del­ling-­Be­reich. Es ist die Fra­ge wie die jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen da­mit um­ge­hen. Im Mo­ment wol­len je­den­falls al­le Kids wie­der Vin­tage, Re­lic, Aging und Old Fa­shion. Das be­trifft auch die Amps. Wer zu mir kommt und ei­nen al­ten JTM45 oder eine ge­tun­te His­to­ric Les Paul hört, ist in der Re­gel in­fi­ziert und will so et­was ha­ben. Die­ser Ton hat im­mer noch Gül­tig­keit. Mehr denn je viel­leicht. Aber wer kann schon in die Zu­kunft schau­en?

Vielen Dank für das Interview

Das Interview führte Gerd Becker


Udo Pipper

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